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Abgrenzung von Sprechakttheorien

Die Fokussierung auf den Gesamtprozess ist eine andere: Unser Fokus liegt nicht auf einer Folge von Sprechakten, sondern auf einer Folge von Sprech- und Hör-Ereignissen (im weitesten Sinne). Beide Arten von Ereignissen können nicht eindeutig abgegrenzt und nicht nur einer Einzelperson zugeordnet werden – im Gegensatz zu Akten, die als abgegrenzt angesehen werden.

Abgrenzung von der Theorie des kommunikativen Handelns nach Habermas

Problemtheorie statt der Annahme einer idealen Sprechsituation

Unser Ansatz ist problemtheoretisch: Wir gehen nicht von einer idealen Sprechsituation aus, sondern von problematischen kommunikativen Situationen. Dies geschieht in zweierlei Hinsicht: Wir beschreiben Kommunikationsprozesse einerseits als Mittel in Situationen, in denen die Problemstellungen nur in sozialen Zusammenhängen lösbar sind; andererseits beschreiben wir kommunikative Teilprozesse als Mittel in Situationen, in denen die Problemstellungen das Beginnen, Steuern und Beenden von Kommunikationsprozessen selbst betreffen.

Misserfolge gehören zur Kommunikation

Der Misserfolg geht in die Theoriebildung mit ein: Für uns sind kruziale Kommunikationsprozesse prinzipiell fallibel. In kruzialer Kommunikation ist Verständigung nur durch die Mittel der Kommunikation selbst möglich, ohne Anhaltspunkte und Hilfen aus der Situation. Die Kruzialität wird durch Maßnahmen wie Wiederholungen, Verweise auf die Situation und verbindliche soziale Regelungen abgeschwächt. Letztlich aufgehoben werden kann die Kruzialität nur durch den übergeordneten Handlungserfolg.

Notwendige Subjektion statt gewaltfreier Kommunikation

Die Relation zwischen den Kommunizierenden ist für uns eine andere: Wir gehen nicht von einer „herrschaftsfreien Kommunikation” aus, sondern von der Notwendigkeit einer Subjektion des Rezipienten. Elementare Bedingung für den Beginn und den Verlauf kommunikativer Prozesse ist die Bereitschaft und die Fähigkeit von Teilnehmenden, sich auf andere auszurichten und ihren Verweisungen zu folgen.

Abgrenzung zur Systemtheorie Niklas Luhmanns

Andere Fragestellung, andere Empirie

Die Richtung der Fragestellung und Argumentation ist eine andere: Wir gehen von den Erfahrungen der an Kommunikation Teilnehmenden aus, um von dort zu einer Kerntheorie der Kommunikation zu gelangen. Diese Vorgehensweise ist anders gerichtet als der Weg von einer Setzung von Systemen zu einer möglichen Empirie.

Der Weg der Umsetzung bis zur konkreten Anwendung ist kurz: Wir erwarten, dass aufgrund unseres differenzierten Theorie-Kerns wenige Umsetzungen bis zu einer Antwort auf Fragen kommunikativer Praxis notwendig werden. Die Systemtheorie ist dagegen aufgrund ihres Allgemein-Anspruchs auf alle Bereiche anwendbar. Deswegen erscheint die Charakterisierung konkreter Anwendungsbereiche unspezifisch.

Perspektive des Teilnehmenden statt Beschreibung von Operationen

Wir verwenden mehrere Perspektiven: Wir berücksichtigen auch die Perspektive des Teilnehmenden. Dies ist in der Systemtheorie nicht der Fall, weil sie nur von einer jeweiligen Meta-Perspektive aus argumentieren kann, von der aus die Operationen beschrieben werden.

Abgrenzung zu Analogien aus der Signaltechnik und aus anderen technischen Bereichen

Das Problemfeld unserer Theorie ist ein anderes: Wir erfassen Individualität und Umfeld. Diese können mit technischen Ansätzen nicht erreicht werden.

Unsere Einstellung zu Regeln ist eine andere: Wir beschreiben die Rolle von Kommunikation bei der Entstehung, Ausdifferenzierung und Stabilisierung neuer persönlicher und sozialer Strukturen. Die in technischen Anwendungen ablaufenden Prozesse folgen dagegen vordefinierten Regeln und vorbestimmten Möglichkeitsbereichen.

Abgrenzung zur Linguistik

Die Zielsetzung ist eine andere: Wir suchen nicht nach einer strukturellen Organisationsform sprachlicher Formulierungs-Einheiten, die von kommunikativen Prozessen distanziert ist. Unser Ziel liegt in der Beschreibung einer vollständigen Verarbeitungskette. Die kommunikative Verarbeitungskette läuft in unserer Theorie auf mehreren Ebenen simultan ab. Sie besteht aus Semiose, Modalisierung (Relativieren der Zeichen auf die Situation) und der Konstruktion von Inhaltskomplexen. Die Linguistik beschäftigt sich nach unserer Auffassung lediglich mit dem ersten kommunikativen Teilprodukt, das aus Formulierungen gewonnen wird.

Abgrenzung zu philosophischen Disziplinen

Unsere Zielsetzung ist eine andere: Unsere theoretische Arbeit soll einen einfachen Übergang von den Kernbestandteilen – den notwendigen Bedingungen für Anfang, Verlauf und Ende von Kommunikationsprozessen – zu empirischen Prädikaten ermöglichen. Wir richten uns auf empirische Handlungsanweisungen und nicht auf logische oder formale Prädikate.